Chinesen entlarven Beijings Lügen über Tibet

 

Die Online-Publikation Mitte Mai 2009 eines neuen, schonungslosen Berichts über wichtige Aspekte der tatsächlichen Situation im heutigen Tibet ist in vieler Hinsicht bedeutsam, obwohl sie keine unmittelbare Auswirkung auf die chinesische Politik in Tibet haben wird. Veröffentlicht von der „Initiative Offene Verfassung“, eine NGO, die von Juristen und Intellektuellen in Beijing geleitet wird, ist sie keineswegs eine Kritik an oder Rechtfertigung der traditionellen tibetischen Gesellschaft und des alten tibetischen Regierungssystems, die 1959 in jeder Hinsicht nicht mehr zeitgemäß waren, wie es sich in dem Abgrund von Hilflosigkeit bei der chinesischen Invasion  zeigte. Vielmehr nimmt sie die Souveränität Chinas über Tibet als gegebene Tatsache an und untersucht die Situation dort anhand der vorhandenen chinesischen Gesetze, Politik und  Durchführung. In dieser Hinsicht jedenfalls ist dieser Bericht für die chinesische Herrschaft in Tibet abträglicher und vernichtender als alle bisherigen Publikationen der Exil-Tibeter und anderer zusammen.

 

Beijing behauptet, dass alle ausländischen Gruppen, Menschenrechtsorganisationen, Regierungsleiter, Parlamente und Medien, die die Situation in Tibet unter seiner Herrschaft kritisieren, nicht wissen, was sie sagen, da sie Tibet nie besucht hätten und entweder Opfer der Irreführung der „Dalai Clique“ oder anti-chinesisch eingestellt seien. Beijing untersteht sich, sie nach Tibet einzuladen und das „wirkliche“ Tibet selber zu sehen und dann konterkariert es seine eigenen Worte und tut sein Möglichstes, diese Gäste daran zu hindern, sie zu kontrollieren, zu zensieren und irrezuführen, auch mit dem, was sie dort zu sehen und zu hören bekommen.

 

Nun gut, dieser neue Bericht basiert nicht nur auf einer aktuellen Feldforschung, sondern wurde von Menschen geschrieben, die in China selbst leben. Der „Thinktank“, der die Feldforschung durchführte und den Bericht publizierte, ist kein ideologischer oder politischer Gegner der chinesischen Regierung. Tatsächlich hatten diejenigen, die die Feldforschung durchführten, als in China lebende Staatsbürger Zugang zu allen von der chinesischen Regierung veröffentlichten Materialien und Informationen zu Tibet, die sie möglicherweise gebrauchen konnten, aber aufgrund  von Zensur und anderen Formen von Meinungskontrolle sehr wenig anderes, vielleicht kritisches Material zu der Situation in Tibet.

 

Und dennoch scheint der Bericht keinen Funken Gutes über irgendeine der Hauptfragen der jetzigen Politik Chinas in Tibet zu sagen zu haben. Zweifellos lügt die chinesische Regierung nicht nur,  sondern ist sich dessen auch bewusst. Und das ist nur möglich, weil China weder der Wahrheit ins Auge blicken noch auf dieser Basis handeln möchte.

 

Der Bericht des Beijinger „Thinktanks“ offenbart alle die Behauptungen der chinesischen Regierung über die Befreiung Tibets und die Emanzipation der Tibeter von dem Doppelübel des ausländischen Imperialismus und des einheimischen Feudalismus als ein Bündel von Lügen und Mythen, eine  politische Rhetorik, der jede Basis von Realität fehlt. Nach dem Bericht hat China einfach nur das traditionelle und tyrannische System in Tibet – das vielleicht zu entschuldigen wäre in Anbetracht der Tatsache, dass alle Gesellschaften dieselben schmerzvollen historischen Stadien in ihrer Entwicklung zu einem modernen Staat durchlaufen – durch ein noch repressiveres System ersetzt, das durch eine neue Klasse von „Aristokraten“ verkörpert wird, die ihre Legitimität und brutale Macht nicht von der Bevölkerung, die sie regiert, bezieht sondern von einer Autorität von außen, der es ihrerseits nur darum geht, absoluten Gehorsam ihr gegenüber und die Stabilität ihrer Macht sicherzustellen.   

 

Routinemäßig kritisiert China die alte Gesellschaft Tibets vor 1959 als feudal, mit der Behauptung, dass 95 Prozent ihrer Bevölkerung Leibeigene und Sklaven gewesen seien. Was aber ist eigentlich das feudale Leibeigenensystem, wie es in Europa im Mittelalter herrschte, woher der Ausdruck seinen Ursprung hat? Auf seiner elementarsten Ebene erfordert ein feudales Leibeigenensystem drei Dinge: einen Herrn (Lehnsherrn), einen Vasallen (Lehnsmann) und ein Lehen, mit dem König als oberstem Herrn. Ein Lehnsherr war ein Adliger, dem das Land gehörte, während ein Lehnsmann (oder Vasall) eine Person war, der ein Stück dieses Landes in Pacht gegeben wurde. Und dieses Stück Land mit den dazugehörigen Untertanen und Einkommen wurde „Lehen“ genannt. Es war   der Kuchen, um den sich alle gegenseitigen legalen und militärischen Ansprüche und Verpflichtungen drehten. War das alte Tibet so? Könnte sein und könnte nicht sein, je nachdem wen man fragt. Dies ist jetzt eine rein akademische Frage. Aber wenn man dies, mutatis mutandis, auf die heutige Zeit anwendet, dann hat man eine wenig beneidenswerte,  aber sehr treffende Definition der Situation im heutigen Tibet, wie der Beijinger „Thinktank“ herausfand.

 

Die Definition von Feudalismus ist unvollständig, genau wie seine Analogie zu der heutigen Situation in Tibet nicht ganz zutrifft. Aber was die Ähnlichkeiten bei den gegenseitigen Verpflichtungen angeht, sind sie offensichtlich, nur mit dem Unterschied, dass im heutigen Tibet der Herr, die chinesische Regierung, die alleinige Macht hat, die Spielregeln zu ändern. Und die hat es nur einmal versucht, die Regeln für die Leibeigenen ein klein wenig sensibler zu gestalten. Ja, wir sprechen über den Besuch des damaligen Partei-Generalsekretärs Hu Yaobang 1980 in Tibet und seine Ankündigung einer Reihe von erleichternden Maßnahmen dort in Tibet, einschließlich Steuererleichterungen und Rückruf eines wesentlichen Teils der Kader nach China, die von Tibetern ersetzt werden sollten. Hu wunderte sich damals laut, ob all die Billionen von Yuan, die Beijing bis dahin in Tibet gesteckt habe, allesamt  in den Fluss Yarlung Tsangpo geworfen worden seien, und er drückte sein Bedauern aus, dass ihn die Situation in Tibet an Kolonialismus erinnere.

 

Hus ganz spontane Äußerung über die Situation in Tibet war noch treffender als der jetzige Bericht, der mit akademischer Sorgfalt, Finesse und Vorsicht geschrieben wurde. Aber eine Gemeinsamkeit der beiden Untersuchungen ist, dass sie beide von der Rolle des Geldes aus Beijing sprechen. Hus Kommentar legte nahe, dass ziemlich viel von dem Geld verschwendet, oder noch wahrscheinlicher, veruntreut worden war oder auch beides. Der jetzige Bericht ist sehr freimütig mit der Aussage, dass viel von den „Strömen von Geld“, die Beijing in Tibet investierte, eine Großzügigkeit des Herrn gegenüber seinem Vasall war für dessen Bemühen um die Stabilität dort. Natürlich sind dort imponierende, glänzende und oft schillernde Infrastrukturen und andere Projekte für jedermann zu sehen, aber die große Frage ist doch, wer profitiert wieviel von welchem Projekt.

 

Dieser Bericht wird selber weder eine wesentliche Auswirkung auf die chinesische Führung noch auf die Situation in Tibet haben, weil das von Macht und Stabilität besessene Regime weder die Wahrheit sucht, noch für sie empfänglich ist. Aber er wird sicherlich eine große Rolle spielen bei der Aufklärung der chinesischen Bevölkerung und der übrigen Welt über das, was wirklich in Tibet los ist. Er wird diese Rolle spielen, weil er überzeugend die Lächerlichkeit der hochtrabenden Behauptungen der chinesischen Regierung über die „wirkliche“ Situation in Tibet entlarvt.

 

 

Aus: Leitartikel in der Tibetan Review, Juni 2009, S.3, übersetzt von Tsering Ngodup, Heidelberg

 

རྗར་འཁོད་བོད་རིགས་ཚོཌ་པའི་གལ་ཆེ་གསལ་བསྒྲགས།
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