Erklärung zum 54. Jahrestag des Tibetischen Volksaufstands

Lobsang Sangay, Premierminister der tibetischen Exilregierung

Im Jahr 1959 haben sich genau an diesem Tag Tausende Tibeter aus allen Schichten der Gesellschaft und aus allen drei Regionen Tibets (Ü-Tsang, Kham und Amdo) in Lhasa versammelt, um sich der chinesischen Invasion und Besatzung Tibets zu widersetzen und gegen sie zu demonstrieren. Wir sind die Kinder dieses tragischen und doch historischen Moments in Tibets einzigartiger, reicher und mehr als 2’000-jähriger Geschichte. Heute sind wir hier versammelt, um an den mutigen Kampf dieser selbstlosen, älteren Generation zu erinnern. Wir gedenken all derer, die ihr Leben für Tibet geopfert haben. Die Sehnsucht nach Freiheit, die sie dazu bewegte, am 10. März 1959 Widerstand zu leisten, leitet uns auch heute noch in unserem Kampf um Freiheit, Identität und Menschenwürde.

 

Der unaufhörliche, furchtbare Kreislauf der Unterdrückung und Verbitterung in Tibet zeigt sich in der niederschmetternden Anzahl von Tibetern, die sich selbst verbrennen. Seit 2009 haben sich 107 Tibeter selbstverbrannt, 28 von ihnen allein im November 2012 kurz vor und während des 18. Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas. 90 von ihnen sind traurigerweise verstorben. Eine so hohe Zahl ist beispiellos in der heutigen Weltgeschichte. Obwohl die meisten Selbstverbrennungsopfer Mönche sind, opfern sich Tibeter aus jeder Gesellschaftsschicht – Nomaden, Bauern, Lehrer und Studenten – und sie kommen aus allen drei tibetischen Regionen, aus Ü-Tsang, Kham und Amdo sowie aus der Hauptstadt Lhasa. Wir widmen diesen Tag den Selbstverbrennungsopfern und  allen, die für Tibet gestorben sind. 

 

Die Besetzung und Unterdrückung durch die Regierung der Volksrepublik China sind die Hauptgründe für die Selbstverbrennungen der Tibeter. Täglich erleben die Tibeter Chinas Angriffe gegen die Kultur des tibetischen Buddhismus - die Grundlage ihrer Identität und Menschenwürde. Chinas Dämonisierung Seiner Heiligkeit des Dalai Lama erfüllt sie mit tiefstem Groll. Voller Sorge sehen sie, wie chinesische Siedler nach Tibet strömen, ihnen die Arbeit, das Land und ihre Zukunft wegnehmen – und in diesem Prozess tibetische Städte und Dörfer zu chinesischen Städten werden. Sie wehren sich gegen die Zwangsansiedlung Hunderttausendender tibetischer Nomaden in Ghettos, die autark lebende Familien in die Arbeitslosigkeit zwingen. Sie sehen, wie bei kolonialistischen Entwicklungsmaßnahmen Tibets natürliche Ressourcen, die Milliarden von Dollar wert sind, ausgebeutet werden und in das ressourcenhungrige China fließen. Diese Politik lässt vermuten, dass China zwar Tibet will, aber nicht die Tibeter.

 

Doch wenn die Tibeter auf diese Missstände reagieren und nur das kleinste Anzeichen von Dissens zeigen, riskieren sie langjährige Inhaftierung, Folter, öffentliche Demütigung und Verschleppung durch die Sicherheitskräfte. Das Verbot, friedlich zu protestieren, und die harten Bestrafungen zwingen die Tibeter dazu, einen Ausweg in den Selbstverbrennungen zu suchen. Anstatt das Schweigen und die Unterwerfung durch die chinesischen Behörden hinzunehmen, wählen sie den Tod. Die jüngsten Versuche der chinesischen Behörden, die Selbstverbrennungen zu kriminalisieren und Familienmitglieder und Freunde der Opfer zu verfolgen sowie bei Prozessen bloßzustellen, verschlimmern den Kreislauf der Selbstverbrennungen und Verfolgung und führen lediglich zu  noch mehr Selbstverbrennungen.

 

Über verschiedene Medien hat der Kashag immer wieder an die Tibeter in Tibet appelliert, mit den Selbstverbrennungen als Form des Protests aufzuhören. Das Leben ist wertvoll, und wir wollen nicht, dass irgendjemand auf diese Weise stirbt. Als Buddhisten beten wir für die Seelen der Opfer. Als Tibeter ist es unsere Pflicht, die Anliegen der Tibeter in Tibet zu unterstützen: die Rückkehr Seiner Heiligkeit des Dalai Lama nach Tibet, Freiheit für das tibetische Volk und Einheit unter den Tibetern.

 

Um diese grausame und besorgniserregende Situation zu beenden, muss China seine harte Tibet-Politik ändern und die Anliegen der Tibeter respektieren.

 

Das Kashag steht absolut hinter dem Ansatz des „Mittleren Weges“, der zur Lösung der Tibet-Frage eine echte Autonomie der Tibeter anstrebt. Seine Heiligkeit der 14. Dalai Lama hat gezeigt, dass dies die realisierbarste und nachhaltigste Lösung ist. Nach sorgfältigen Überlegungen hat das Tibetische Parlament im Exil den „Mittleren Weg“ einstimmig angenommen. Er wird unterstützt von Tibetern in und außerhalb Tibets, von entscheidenden internationalen Regierungen, politischen Führern und Nobelpreisträgern. Zustimmung findet er zudem insbesondere auch bei einer wachsenden Zahl von chinesischen Intellektuellen, Gelehrten und Schriftstellern.

 

Derzeit hofft der Kashag darauf, dass die neue chinesische Führung diesen pragmatischen politischen Ansatz, der sowohl tibetische als auch chinesische Interessen miteinander verbindet, als eine Win-win-Situation erkennt. Die Wiederaufnahme der Gespräche 2002 hat den Tibetern Hoffnung auf eine friedliche Lösung in der Tibet-Frage gegeben. Leider hat sich diese Hoffnung aufgrund des aktuellen Stillstands im Dialog-Prozess zerschlagen.

 

Für die Regierung der Volksrepublik China ist Tibet ist kein verfassungsrechtliches oder institutionelles Problem. Für Hong Kong und Macau hat China nach Artikel 31 der chinesischen Verfassung einen gesonderten institutionellen Mechanismus „ein Land, zwei Systeme“, geschaffen. Auch hat die chinesische Führung politischen Willen gezeigt, indem sie auf Ministerialebene ein Komitee für Taiwan (Republik China) gebildet hat. Doch bei Tibet hat die chinesische Führung weder den zur Verfügung stehenden verfassungsrechtlichen Mechanismus eingesetzt, noch den politischen Willen gezeigt, das Problem friedvoll zu lösen. Von unserer Seite her betrachten wir Inhalt als primär und die Vorgehensweise als zweitrangig, und wir sind bereit, jederzeit und überall in einen ernsthaften Dialog zu treten.

 

Eine gerechte und langfristige Lösung der Tibet-Frage liegt auch im Interesse der gesamten Weltbevölkerung. Tibet, eine der ältesten Zivilisationen, wird oft auch als „Dritter Pol“ bezeichnet, weil seine Gletscher Asiens zehn größte Flüsse mit Wasser versorgen. Eine Lösung würde den Frieden und Wohlstand von über 1 Milliarden Menschen sichern, die flussabwärts leben und deren Versorgung direkt von den vom tibetischen Hochplateau herabfließenden Flüssen abhängig ist. Eine zügige Lösung sendet die richtige Botschaft und Tibets gewaltloser und demokratischer Freiheitskampf kann dann als Vorbild auch für andere Befreiungsbewegungen dienen. Und nicht zuletzt würde die Lösung der Tibet-Frage eine Mäßigung Chinas beschleunigen.

 

Wir senden unseren tiefsten Dank an das indische Volk und die indische Regierung. Wir bedanken uns ebenfalls weltweit bei allen Regierungen, internationalen Organisationen, Tibet-Unterstützungsgruppen und Tibet-Unterstützern für ihre Resolutionen, öffentliche Erklärungen und  ungebrochene, aufopferungsvolle Unterstützung. Gleichzeitig wünschen wir uns, dass die Regierungen und die internationale Gemeinschaft jetzt bestimmt handeln und Druck auf die chinesische Regierung ausüben, damit diese in einen substantiellen  Dialog mit der tibetischen Führung tritt.

 

Wir appellieren an die internationale Gemeinschaft, die chinesische Regierung anzuhalten, die UNO-Hochkommissarin für Menschenrechte nach Tibet einreisen zu lassen sowie Diplomaten und internationalen Medien den Zugang nach Tibet zu gewähren. Denn nur auf diese Art und Weise kann die Wahrheit über die dringliche Situation in Tibet umfassend aufgedeckt, und nur so können die Selbstverbrennungen eingedämmt werden.

 

Der Kashag hat 2013 zum Jahr der Kampagne „Solidarität mit Tibet“ erklärt. Unsere vielzähligen Aktionen und Veranstaltungen werden friedlich, rechtmäßig und mit Würde durchgeführt.

Tausende von Tibetern und indischen Freunden haben sich, initiiert von der Tibetischen Zentralverwaltung (CTA), am 30. Januar in Neu Delhi zu einer 4-tägigen Großkundgebung versammelt. Zahlreiche prominente indische Führer verschiedener Parteien haben teilgenommen und ihre Unterstützung für Tibet erklärt.  Heute halten Tibeter und Tibet-Freunde in Brüssel eine europaweite Solidaritätskundgebung für Tibet ab. In diesem Monat organisieren Tibeter unter anderem in Nordamerika und Europa Tibet-Lobby-Tage. Die Kernbotschaft, die wir alle zu kommunizieren bitten, sind die folgenden drei Ds: Devolution, Demokratie und Dialog.

 

Der Charakter unseres Volkes wird von unserer Ausdauer in dieser dunkelsten Periode unserer Geschichte geformt. Unter der wegweisenden Führung Seiner Heiligkeit des 14. Dalai Lama haben wir unsere Not mit außergewöhnlicher Einigkeit, Ausdauer und Würde angenommen. Ergeben bete ich für ein langes Leben Seiner Heiligkeit des Dalai Lama.

 

Der Kashag ist geehrt und bedankt sich für die entgegengebrachte Unterstützung und Solidarität von Tibetern in und außerhalb Tibets zutiefst. Mit Einigkeit, Eigenständigkeit und Innovation als leitende Prinzipien sind wir entschlossen, die Anliegen aller Tibeter zu erfüllen, so dass sie die Freiheit und Menschenwürde genießen können, die wir verdienen und auf die wir ein Recht haben.

Zum Abschluss möchte ich noch einmal unseren Brüdern und Schwestern in Tibet meine Ehrerbietung erweisen.

 

10. März 2013

Dharamsala

 

Letzte Änderung: 01-03-2017

09:01 CEST

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